Wie die Bodenspekulation dem Faschismus den Boden ebnet

Kein Tag vergeht, ohne da wir nicht die von Bruno Heilig beschriebenen Phänomene selbst beobachten und in der Zeitung nachlesen können. Der aktuelle Verteilunskampf verbreitet Angst und Unsicherheit. Der soziale Frieden und damit die Demokratie sind erneut in Gefahr. Bruno Heilig verfasste in den 40er Jahren diesen Artikel, der uns nachdenklich stimmen sollte. Er schrieb für unsere Zukunft, die spätestens 1989 mit dem Fall der Mauer begonnen hat. Die Grundaussage ist heute so beklemmend wie damals. William Vickrey, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften 1996, bestätigt Bruno Heilig in seiner gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Analyse. Er fügt hinzu, dass sich der freie und marktwirtschaftlich ausgerichtete Staat allein aus Effizienzgründen der Bodenwertsteuer bedient und auf Einkommens- und Vermögenssteuern verzichtet. So schön einfach wär's – so schön einfach könnte es sein!

Bruno Moser, Ökonom

© Neuland!

Verein für menschengerechte Steuern

CH-Bern
neuland98@yahoo.com



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Why The German Republic Fell erschien zuerst im englischen Magazin Land & Liberty.

Warum Die Weimarer Republik Fiel

Unzählige Zeitungsartikel und Bücher über Hitlers Karriere und über Deutschlands Hinwendung zum Barbarentum wurden herausgegeben. Sie beschreiben in kleinsten Details das Kommen und Gehen der Mitspieler dieser Tragödie; Geheimnisse über politische und diplomatische Besprechungen, über Intrigen und Verschwörungen werden aufgedeckt. Man bekommt ein mehr oder weniger wahrheitsgetreues Bild der Charaktere der führenden Personen und ist beispielsweise mit delikaten Geschichten über ihr Privatleben unterhalten. Man wird bestens informiert – und doch ist man nicht zufrieden. Je mehr man über die Geschehnisse erfährt, um so verwirrter wird man.

 

Es bestand ein Staat mit einer guten demokratischen Konstitution, deren Basis Freiheit und Selbstregierung waren. Nach dem Ersten Weltkrieg war das Volk froh, des Kaisers ledig zu sein und wählte für die Weimarer Nationalregierung Männer, deren Hintergrund und Programme die beste Garantie zu sein schienen für eine radikale Ausrottung der alten verhassten preussischen Ideen. Einige Gauner und Schwächlinge erschienen auf der geschichtlichen Bühne – und die Freiheit wurde dahingeworfen, Demokratie wurde Schmutz. Hitler gewann Macht unter Aufsicht einer demokratischen Konstitution, deren fundamentales Prinzip Selbstregierung und Selbstbestimmung des Volkes war. Er wurde Kanzler durch eine reguläre Ernennung wie jeder seiner Vorgänger. Es gab keinen Grund, warum sich das Volk gegen seinen eigenen Willen einer Diktatur unterwerfen sollte. Es folgte dem Tyrannen freiwillig, zum Teil jubelnd. Wie konnte dies geschehen?

 

Ich weiss, es gibt eine Menge Erklärungen; angefangen von den Fehlern der Alliierten, ihre Versprechen des Versailler Vertrages auszuführen. Es war ihre Torheit oder Schuld, danach eine sehr engherzige Politik zu verfolgen bis zum angeblich angeborenen Militarismus der Deutschen, der nur etwas Öl ins Feuer benötigt, um wieder zu entflammen. Diese Theorien können erfolglos bis ins Unendliche diskutiert werden, wenn gesellschaftliche Kräfte unberücksichtigt bleiben, die Deutschland von innen her zersetzten. Diese wichtigen internen Ursachen verdienen mehr Beachtung als «Experten» des deutschen und des europäischen Geschichtsbildes ihnen gezollt haben.

 

DER INDUSTRIELLE AUFSCHWUNG

Nach den katastrophalen Inflationsjahren erholte sich das Geschäftsleben fast sofort. Mit der Stabilisierung des Goldwertes der Mark (gleichwertig dem vollen Goldwert des englischen Schilling) war konstante Sicherheit für Investitionen gegeben, und Deutschland benötigte dringend Kapital. Der gesamte Industrieapparat – 4 Jahre mit der Produktion von Kriegsmaterial beschäftigt – lag praktisch während der Inflationsperiode brach. Es bestand ein enormer Bedarf an Wohnungen. In den letzten 10 Jahren waren in ganz Deutschland bloss einige 100 Häuser gebaut worden. Trotz des Krieges war die Bevölkerungszahl gestiegen und stieg noch.

 

Deutsche Unternehmer fanden bei den amerikanischen Bankiers soviel Unterstützung, da diese nicht wussten wohin mit der gigantischen Summe Geldes, das sich während des Krieges angehäuft hatte. Das 1924 beginnende Aufleben in Deutschland hatte alle Elemente einer Hochkonjunktur in sich. Fabriken räumten ihre alten Maschinen aus und ersetzten sie durch die modernsten ihrer Art. Deutschland war auf dem Wege, das bestentwickelte Industrieland zu werden und schien sogar Amerika zu übertreffen. Diese geschäftige Zeit zog Millionen Menschen in die Städte. Die Bevölkerung Berlins stieg rapide von 2 auf 6,5 Millionen.

Der Staat trat auf den Plan, um am fieberhaften Aufschwung eines neuen und modernen Deutschlands teilzunehmen. Das gesamte Eisenbahnnetz wurde neu organisiert und ausgestattet. In Berlin wurden ganze Häuserreihen abgerissen, um die Strassen zu erweitern. Der Alexanderplatz im Herzen der Stadt wurde zum grössten Platz der Welt, umgeben von hochmodernen Wolkenkratzern und Geschäftsgebäuden.

 

Das dringendste Problem war das Errichten von Gebäuden für Wohnzwecke, Industrie und Handel. Die technische Seite dieses Problems war schnellstens gelöst: fabrikfertige Häuser wurden hergestellt. Zementblöcke und Platten wurden dort produziert, wo das Gebäude stehen sollte. Auf den Bauplätzen sah man Schilder: «Pro Tag eine Etage!»

 

Bodenpreise und Pachten schnellten in die Höhe. Aber auch die Materialkosten der Unternehmer stiegen, da sie durch hohe Zollschranken gegen ausländische Konkurrenz geschützt wurden. Eisenpreise betrugen das Doppelte wie in England und Zement gar das Dreifache. Bodenpreise stiegen durchschnittlich 700% in Berlin und 500% in Hamburg in 6 Jahren. In einigen Bezirken der Hauptstadt sogar um mehr als 1'000 Prozent. Es war ein gutes Geschäft, mit dem Stadtrat gut Freund zu sein. Wenn man z.B. rechtzeitig über den Plan informiert war, Zehlendorf mit der Innenstadt Berlin durch eine neue Untergrundbahn zu verbinden oder über eine neue U-Bahn-Linie zum Reichskanzler-Platz. So konnte der schlaue Ankauf einiger 100 m2 Land ein Vermögen einbringen. Ebenso konnte man Millionär werden, wenn man wusste, dass Berlins damaliger Verkehrsdirektor, Herr Reuter, den Alexanderplatz erweitern wollte und darunter den gigantischen zentralen Hauptbahnhof der U-Bahn plante.

 

BODENWERT ­ SPEKULATION

Grundstückspekulanten hatten eine phantastische Zeit; einige verdoppelten oder verdreifachten ihr Vermögen über Nacht. Während das gewöhnliche Volk sich fieberhaft – und zugleich stolz – plagte, ein neues Deutschland aufzubauen, rollte das Geld in die Taschen jener, die mit Grundstückswerten spekulierten.

 

Die hohen Mieten für Neubauwohnungen wirkten sich auch auf die Mieten in Altbauten aus und trieben diese ebenfalls in die Höhe. Während des Krieges waren die Mieten gesetzlich auf dem Vorkriegsniveau festgelegt. Dieses Gesetz blieb während der Inflationsperiode in Kraft. Dann begannen die Zeitungen eine Kampagne, dass der grosse Unterschied zwischen den Mieten in den neuen und alten Gebäuden ungerecht sei. Diese war so erfolgreich, da ein Änderungsgesetz den Besitzern der Altbauwohnungen Mieterhöhungen bis zu 125% des Vorkriegsniveaus erlaubte. Dies war ein doppelt grozügiges Geschenk. Die Hausbesitzer waren nach einem Gesetz, das nach der Inflation verabschiedet wurde, ohnehin schon von 75% ihrer Hypotheken befreit. Das Gesetz erklärte, dass sie nur noch für 25% des Goldwertes ihrer Schuldscheine verantwortlich seien. Somit erhielten sie mehr als ihre volle Vorkriegsrente in Bezug auf Goldmark und ausserdem eine Annullierung von 75% ihrer Hypothekenschuld.

 

Fachleute veranschlagten den Anstieg der Bodenrente bezüglich Bauland allein auf 1'200 Millionen Mark pro Jahr in Deutschland. Natürlich ist es unmöglich, die sich auf Produktion und Handel auswirkende Last genau zu bestimmen. Der Anstieg der Bodenrenten und der Preise für den Boden, der für Industrie und Handel gebraucht wurde, war jedoch enorm. Das Volk hatte nicht nur dieses Tribut an die Bodenmonopolisten zu zahlen, sondern auch noch die Wirtschaft zu finanzieren und zwar aufgrund der merkwürdigen Politik der Beamten und städtischen Verwaltung.

 

In Hamburg z.B. hatten die Steuerzahler 60 Millionen Mark zu zahlen als Entschädigung für Eigentümer und ausserdem 40 Millionen als Geldbeihilfen für Bauherren. Nachdem diese Pläne ausgeführt waren, stieg die Bodenrente in ganz Hamburg um 20 Millionen Mark pro Jahr [das entspricht einer kapitalisierten Wertsteigerung von 240 Millionen Mark; bei 8% Zins). Berlin gab für eigene Landkäufe nicht weniger als 400 Millionen Mark aus. Davon wurden allein 120 Millionen in Käufen rund um den Alexanderplatz herum investiert. Dieses Geschäft entwickelte sich zu einem grossen Spekulations- und Korruptionsskandal.

 

Die Grundstücke, für welche die Stadt 120 Millionen zahlte, waren vor dem Kauf bloss auf 35 Millionen geschätzt. Der Überschuss von 85 Millionen Mark, so wurde argumentiert, war das rechtmässige Eigentum der Verkäufer. Denn dies wäre der Wert, den das Land nach den auf Kosten der Steuerzahler durchgeführten Investitionen erhalten würde. Die Verkäufer sollten offenbar nicht dieses «zusätzlichen Wertes» ihres Eigentums «beraubt» werden! Es muss gesagt werden, dass die städtischen Beamten, die eigentlich die Interessen der Bevölkerung zu vertreten hatten, nicht ungern dieses Spekulationsgeschäft förderten. Es war eine Art legaler Korruption und Bestechung.

 

Falls die Bodenbesitzer sich weigerten, an die Stadt zu verkaufen oder den Preis nicht akzeptieren wollten, hatte ein Schiedsgericht zu entscheiden. Dieses Gericht setzte sich aus je zwei Repräsentanten jeder Partei und einem neutralen Vorsitzenden zusammen. Viele Fälle kamen vor ein solches Schiedsgericht, das regelmäig erklärte, dass die Stadtverwaltung nicht nur den wirklichen Wert des Grundstückes, sondern jeden voraussichtlich zukünftigen Wert zu zahlen hat – unabhängig von der Ursache, die den Wert steigern würde.

 

Ich erinnere mich der exakten Einzelheiten eines solchen Falles, der wohl der schimpflichste war. Der Eigentümer veranschlagte den Wert seines Grundstückes auf 400'000 Mark. Der Stadtrat hielt den Preis für zu hoch und brachte den Fall vor das Schiedsgericht. Der Schiedsspruch legte fest, dass die Stadt nicht nur die vom Eigentümer geforderten 400'000 Mark zahlen musste, sondern 1'080'000 Mark. Dies war der vom Schiedsgericht errechnete Wert, den das Grundstück haben würde, sobald die von der Stadt geplanten Verkehrsverbesserungen abgeschlossen seien.

 

Das Skandalöse an dieser Transaktion war, dass die den Mitgliedern des Schiedsgerichtes zu zahlende Gebühr einen gewissen Prozentsatz des festgesetzten Preises darstellte. So wurde aus persönlichem Interesse der Preis so hoch wie möglich veranschlagt. Was dem Eigentümer zugesprochen wurde, entsprach zugleich der Belohnung des Schiedsgerichtes. Hinzu kam, dass der Stadtrat die Repräsentanten für das Schiedsgericht aus den Reihen der städtischen Kommission ernannte, welche entschied, welche Fälle dem Schiedsgericht zugeführt würden.

 

Ein anderer schlimmer Korruptionsfall war die Verpachtung des Berliner Hafenbeckens an eine Privatfirma. Dies gegen Ende der Inflationsperiode, als einige Leute schon sehr gut informiert waren, was nach der Währungsreform passieren würde. Der Berliner Hafen ist nach Duisburg der grösste seiner Art in Deutschland. Er liegt an der Spree und Havel, welche die Oder und die Elbe miteinander und somit Berlin mit der See verbinden. Die Stadt investierte Millionen und Millionen in die Fertigstellung des Hafens und in die Einrichtung mit riesigen Warenhäusern und den modernsten Verladungsvorrichtungen. Nachdem es fertiggestellt war, informierte Herr Schüning, der für Hafenangelegenheiten verantwortliche Beamte, da der Hafenbetrieb von der Stadt nicht mit Gewinn geführt werden konnte. Aus dem Grunde schlug er vor, das gesamte Hafenbecken an eine Privatfirma zu verpachten.

 

Ein passendes Unternehmen, die Berliner Hafen und Lagerhaus GmbH wurde schnell von der Waggonfabrik Busch und der Speditionsfirma Schenker & Co. organisiert. Dieser Gesellschaft vermietete die Stadt das gesamte Becken mit allen Lagerhäusern und Einrichtungen auf 50 Jahre gegen Zahlung von 369'000 Mark. Nicht als jährliche Pacht, sondern als einmalige Summe zum Aufkauf des Pachtvertrages. Das Hafengebiet umfasste 1 Millionen Quadratmeter. Allein die Pacht für den Boden in der Umgebung kostete eine Mark per Quadratmeter.

 

Somit bezahlte die GmbH für die 50-jährige Konzession nur den 150. Teil dessen, was allein die Pacht des Bodens ausgemacht hätte. Zusätzlich gewährte die Stadt dem Unternehmen ein Darlehen von 5'000'000 Mark. Genau ein Jahr nach Vertragsabschluss wurde der Beamte Schüning zum Generaldirektor der GmbH ernannt. Mit der Kontrolle über den Berliner Hafen hatten die Gründer dieser Gesellschaft auch zugleich Kontrolle über die Versorgung der Stadt. Von nun an hatten die Berliner für jeden Bissen Brot Tribut zu zahlen.

 

Dies ist kurz gefasst die Geschichte des Bodenschwindels sowohl in Grosstädten wie auch in Kleinstädten. Es folgt nun eine Beschreibung dessen, was mit Landwirtschaftsland und den Bodenschätzen geschah.

 

DIE LANDWIRTSCHAFTLICHEN BÖDEN

Die Hälfte des Agrarbodens in Deutschland bestand aus Grossgrundbesitz in Händen der Junker – des alten Militäradels. Die andere Hälfte wurde von Bauern bewirtschaftet. Zahlenmäig waren sie den Junkern neunmal überlegen. Der Grossgrundbesitz beschäftigte 2'500'000 Personen. Im Gegensatz dazu belief sich die Zahl der auf den Bauernhöfen Beschäftigten – Bauern, deren Angehörigen und bezahlten Landarbeiter – auf 7'500'000. Die grossen Güter wurden von der Regierung immer freundlich behandelt, da sie das besonders in Kriegszeiten wichtige Getreide anbauten. Sie wurden durch hohe Einfuhrzölle und Steuergeschenke geschützt.

 

Nach dem ersten Weltkrieg wurde in Deutschland die Bodenfrage sehr viel diskutiert. Von der friedliebenden, von den Sozialdemokraten geführten Republik erwartete man eine radikale Abkehr von den alten kapitalistischen Wirtschaftsideen. Millionen entlassener Soldaten hätten angesiedelt werden können und der landwirtschaftliche Ertrag hätte um ein Mehrfaches gesteigert werden können.

 

Nach offiziellen Statistiken war der Ertragswert kleiner Höfe bis zu 47% höher als der Ertrag der grossen Güter. In der Milchwirtschaft sogar bis zu 69%. Nach Jahren der Ermüdung und des Hungers brauchte auch der körperliche Zustand der Menschen unbedingt eine Verbesserung. Auch in dieser Hinsicht wiesen die statistischen Daten zugunsten der kleinen Höfe. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung wurde zuverlässig in den Verhältniszahlen jener ausgewiesen, die für den Militärdienst tauglich waren. Männer, die auf kleinen Höfen arbeiteten, waren um 150% tauglicher, als die der grossen Güter.

 

DIE «OSTHILFE» UND DIE JUNKER.

 

Aber nichts passierte. Es wurde keine Bodenreform initiiert. Nichts geschah ausser einigen zaghaften Schritten gegenüber einzelnen Parzellen in Stadtnähe. Später, als die Junker aufgrund des sich verschärfenden Welthandels und den dadurch fallenden Getreidepreisen auf dem Weltmarkt in Schwierigkeiten gerieten, leistete ihnen die Regierung gefälligerweise Hilfe. Einfuhrzölle auf Getreide und Futtermittel wurden angehoben. Dies war ein schwerer Schlag für die Viehbauern. Zusätzlich gewährte der Reichstag die sogenannte «Osthilfe» in Gestalt von Subventionen in Höhe von 500 Millionen Mark. Damit sollte die Schuldenlast der Güter behoben und der Maschinenpark erneuert werden.

 

Doch auch damit gaben sich die Junker nicht zufrieden. Sie forderten und erhielten noch mehr Unterstützung. Ich habe die offiziellen Zahlen für das Jahr 1931. Allein in jenem Jahr wurde ihnen 100 Millionen Mark dafür bezahlt, Getreide zu lagern, um die Marktpreise hochzuhalten. Dies bedeutete, dass die Leute mehr zahlen mussten, um ihr Brot teurer zu kaufen. Im gleichen Jahr wurden die Schuldzinsen der Junker um 365 Millionen reduziert und ausserdem eine Steuererleichterung von 160 Millionen gewährt. Zusammen mit noch verschiedenen anderen Unterstützungen wurde den Grossbesitzern im Jahre 1931 insgesamt 1 Milliarde Mark geschenkt. Mit all diesem Geld in ihren Taschen erpressten sie schliesslich vom Reichstag das berühmt-berüchtigte Gesetz, welches generell die Einziehung von Schulden der Landwirte verbot.

 

Unter diesen Umständen stieg natürlich der Wert landwirtschaftlichen Bodens enorm. Ich habe keine exakten Zahlen für jene Jahre. Aber Daten der vorhergehenden Jahre zeigen genau, wie z. B. diese eine oder andere Form der Subventionen oder Schutzzölle sich in erhöhter Bodenrente widerspiegelt: Von 1892 bis 1906 waren die Getreidezölle in Deutschland stabil. Während der gleichen Periode stiegen die Bodenpreise in Deutschland um 18%. Diese Prozentzahl entspricht einem normalen Anstieg, der auf Zunahme der Bevölkerung und Produktivitätssteigerungen zurückzuführen ist. 1906 wurden dann die Einfuhrzölle für Getreide verdoppelt. Sofort stieg der Bodenpreis der grossen Güter um 200%.

 

Das verdreifachte Vermögen der Junker muss verglichen werden mit dem Ansteigen des Grundwerts der kleinen Höfe um nur 10%. Nachdem das Gesetz in Kraft trat, welches verbot, eine Hypothekenschuld vollstrecken zu lassen, gab es praktisch keine Bodenpreise in Deutschland. Niemand war so töricht, auch nur 1 m2 Land zum Verkauf anzubieten. Das Monopol war perfekt.

 

Die Bergwerke Deutschlands waren teils Eigentum grosser Gesellschaften und teils Eigentum einiger Adelsfamilien. Die Herren dieses Teils des deutschen Bodens wurden genau so erfolgreich gehätschelt und unterstützt wie die Junker. Ich habe bereits die enormen Preise erwähnt, die das deutsche Volk für Eisen und Zement zu zahlen hatte. Auch die Kohlenpreise waren in Deutschland doppelt so hoch wie in England. Zusätzlich erhielt die Schwerindustrie Subventionen in Millionenhöhe. Ich möchte nur auf einige besonders hervorstechende Fälle eingehen: Die Oberschlesischen Giessereien erhielten 36 Millionen, die Niederschlesische Grubengesellschaft 11 Millionen, der Röchling-Konzern 37 Millionen, die Mansfield-Gesellschaft 16 Millionen, das Siegerländer Metallwerk 10 Millionen und die Ruhrgruben 25 Millionen.

 

Sie mögen fragen, warum die Bevölkerung dies tolerierte.

 

Die Antwort ist: Wer den Boden hat, besitzt die wirkliche Macht. Deutschland wurde in der Tat von 12'000 Junkern und einigen hundert Adligen regiert. Mit ihren eigenen Stimmen hätten sie nicht einen einzigen Sitz in einer Legislativen erhalten. Doch ihren Parteien, der Deutschnationalen Partei und der Deutschen Volkspartei gelang es, mehr als 100 Mitglieder in den Reichstag zu bekommen. In Preussen, welches 2/3 des Reiches ausmachte, hatte sich das Verhältnis zwischen den Bodenbesitzern und dem Volk seit der Zeit der Lehensherrenschaft kaum geändert. Das Volk wählte genau so, wie der Gutsherr es wünschte.

 

Da die Gutsherren seit Jahrhunderten im Regieren geübt waren, passten sie sich sehr schnell den veränderten politischen Situationen an. Nach dem Zusammenbruch des Hohenzollernregimes duldeten sie gewöhnliche Leute, die Regierungsposten innehatten. Sie erklärten sich auch einverstanden mit der Verfassung, die angeblich ihre Privilegien abschaffen und sie mit ihren Arbeitnehmern gleichstellen sollte. Aber sie hielten ihren Einfluss aufrecht. Von den Arbeitern auf ihren Gütern und in den entlegenen Dörfern waren keine Schwierigkeiten zu erwarten. Die «normalen» Druckmittel, die den Gutsherren neben dem Traditionsbewutsein zur Verfügung standen, genügten, sie niederzuhalten. Die Junker benutzten moderne politische und demokratische Methoden, um die Stadtbevölkerung und die republikanischen Politiker für ihre Zwecke einzuspannen.

 

Die grössten Zeitungen und der Nachrichtendienst gehörten ihnen. Der Hugenberg-Konzern kaufte nach dem 1. Weltkrieg den bekannten «Berliner Lokalanzeiger», einige Zeitschriften und die berüchtigten «General-Anzeiger» (billige Tageszeitungen, ausgerichtet auf das Niveau des Mannes von der Strasse) auf und etablierte sie in jeder Stadt. Mehr noch: Er organisierte den Telegrafendienst, der Tausenden von Zeitungen einen ausgezeichneten Nachrichtendienst lieferte. Gleichzeitig errichtete er einen Dienst, der Sonderartikel sowie vollständige Sonntagsbeilagen in druckbereiten Matrizen herausgab, die somit nicht mehr umzuändern waren.

 

Ich brauche nicht zu erwähnen, was diese Propagandaorganisation bedeutete. Das Ziel war, die öffentliche Meinung zu dem Glauben zu bewegen, die Interessen der Grossgrundbesitzer seien gleich mit den Interessen der Nation. Die Unterstützung der Bodenbesitzer wurde deshalb zur akzeptierten Politik, um die Existenzgrundlage des Volkes zu erhalten. Die hohen Zollmauern wurden «zum Besten» der Angestellten und Arbeiter eingeführt. Die Steigerung der Grundstückwerte wurde mit der Steigerung des nationalen Reichtums gleichgesetzt usw.

 

Natürlich gab es auch in Deutschland unabhängige Zeitungen, einige gar von hohem Niveau. Aber einerseits erkannte keine von ihnen die wirkliche Lage und andererseits wurden alle bis zu einem gewissen Grade von der skrupellosen Hugenberg-Propagandamaschine terrorisiert, welche sich zum Hüter des Patriotismus erkor.

 

DER INDUSTRIELLE ZUSAMMENBRUCH

 

Die industrielle Hochkonjunktur dauerte etwa 7 Jahre. Immer wieder warnten intelligente Männer vor den unvermeidlichen Konsequenzen der gegenwärtigen Entwicklung. Ich erinnere mich, schon 1925 ein Buch gelesen zu haben, in dem die Lage diskutiert wurde. Das war nur wenige Monate nachdem die Hochkonjunktur eingesetzt hatte.

 

Der Autor beschrieb das sogenannte kapitalistische Systems sicher treffend. Er erklärte, dass die sich auf Massenproduktion spezialisierende Industrie dafür ausschlaggebend sei, da die Elastizität der Kalkulation verloren ginge. Der unveränderliche Teil der Produktionskosten – die Pachten für Boden und die Verzinsung der Gebäude und Einrichtungen – würden enorm steigen. Der veränderliche Teil – die Löhne – würden entsprechend sinken. Die Unternehmer würden in Zeiten schwacher Nachfrage hilflos sein. Normalerweise könnten sie eine Krise durch Lohnkürzungen und Entlassungen vermeiden, aber Geschäftsunkosten müssten ohne Rücksicht auf Hochkonjunktur oder Krise bestritten werden. Der Autor argumentierte, dass sobald die Nachfrage nachliesse, die Preise steigen werden, da die Fixkosten schwerer auf der kleineren Menge von Produkten lasten. Doch ansteigende Preise werden unvermeidlich zu einem neuen Sinken der Nachfrage führen. Dieser «Teufelskreis» werde sich laufend wiederholen.

Der Autor forderte eine Einschränkung der Rationalisierung. Auch andere sprachen sich dafür aus. Wenn sie auch von ihrem Standpunkt aus recht hatten, so hatten sie absolut unrecht vom Standpunkt gründlichen ökonomischen Denkens. Der Fortschritt der industriellen Produktion darf und kann nicht aufgehalten werden. Dieser findet statt seit das erste primitive Werkzeug hergestellt wurde. Der Versuch, Menschen vom Verbessern der Produktionsmittel zurückzuhalten, ist genau so verrückt, wie sie am Atmen hindern zu wollen. Unter den heute in unserer Welt existierenden Zuständen muss Rationalisierung unweigerlich eine katastrophale Wirkung auslösen, ähnlich wie die im genannten Buch beschriebenen.

 

Die einzig richtige Folgerung wäre allerdings gewesen, die ganze Struktur des deutschen Wirtschaftslebens zu ändern. Eine Idee, die tabu war. Deutschlands Schicksal nahm damit seinen fatalen Lauf. Von Beginn an können wir verfolgen, wie die industrielle Hochkonjunktur angetrieben, beschleunigt und gesteigert wurde, während die Bodenpreise stiegen. Die weitere Bodenspekulation trieb dann alles ins Absurde. Das von Amerika einfliessende Kapital wäre nutzlos gewesen, wenn es keine fleissigen Hände gegeben hätte, um die neuen Maschinen herzustellen. In einem Land, in welchem ein grosser Teil des Bodens von grossen Gütern bedeckt ist, gibt es immer ein Überfluss an Leuten, die Arbeit suchen.

 

Ich wies bereits darauf hin, dass in Deutschland 7,5 Millionen Menschen auf kleineren Höfen beschäftigt waren und nur 2,5 Millionen auf den Grossgütern. Obwohl beide Teile des kultivierten Bodens gleich an Ausdehnung waren. Damit machte die Existenz der Grossgüter eine Differenz von 5 Millionen Menschen auf dem Arbeitsmarkt aus. Die Löhne waren niedrig, und niedrige Löhne regen zu industriellen Geldanlagen an. Die Steigerung der Bodenpreise entpuppte sich als ein weiterer Anreiz zum Investieren und verstärkte die Rationalisierung zusätzlich, denn hohe Bodenpreise steigern die Lebenshaltungskosten.

 

Wer weiterhin auf Arbeiter angewiesen war, hatte somit auch die Kehrseite der hohen Bodenpreise zu tragen. Die Arbeiter begannen höhere Löhne zu fordern. Die Unternehmer befanden sich in einer schwierigen Lage. Wie konnten sie neben den hohen Preisen für den Boden, auf dem die Fabriken standen, neben den hohen Preisen für Baumaterial und Kohle und neben den anwachsenden Steuern, die schwer auf ihrem Budget lasteten, auch noch die Last höherer Löhne tragen? So entschlossen sie sich zu einer beschleunigten Modernisierung ihrer Betriebsanlagen, um sich damit so rasch wie möglich der teuren Arbeitskräfte zu entledigen. Mit anderen Worten: Sie rationalisierten! Die Ausführung dieser Pläne steigerte jedoch die Bodenpreise erneut, und somit stiegen auch die Produktionskosten weiter an - wieder ein Teufelskreis.

 

Deutschland befand sich zu der Zeit in einem Rausch: Modernisieren und rationalisieren um jeden Preis war jedermanns Gedanke. 1930 manifestierten sich die ersten Symptome einer Krise. Durch Maschinen ersetzte Arbeiter trafen auf Schwierigkeiten, wenn sie sich nach einer neuen Beschäftigung umsahen. Industrielle und Kaufleute beklagten sich über Absatzschwierigkeiten. Die Situation verschlechterte sich von einem Monat zum anderen, von einer Woche zur nächsten. 1931 war die Krise im vollen Schwung. Die herkömmlichen Mittel, um Krisen zu verhindern, waren ohne Erfolg geblieben. Durch die Einschränkung der Produktion verschlechterte sich die Lage nur noch stärker. Amortisation, Bodenrente, Zinsen und Steuern verschlangen alles. Arbeiter wurden in Massen entlassen, aber die Unternehmer merkten kaum Erleichterung in ihren Budgets. Mit jedem aus dem Arbeitsverhältnis Entlassenen schied zugleich auch ein Verbraucher aus. Die Arbeitslosenzahl stieg zuerst um Zehn-, dann um die Hunderttausende. Auch die Zahl der Konkurse stieg entsprechend.

 

Hätten die von mir genannten gescheiten Männer weiter gedacht, weiter als bis zu dem Punkt, wo ihre Gedanken haltmachten, wäre ihnen vielleicht die richtige Lösung eingefallen, anstatt einen Stopp für den industriellen Fortschritt zu empfehlen. Hätten sie nur etwas länger über die Wörter «unveränderliche Kosten» nachgedacht! Wie entstanden diese Kosten und wem wurden sie bezahlt? Die Bodenspekulation war jeder möglichen Produktionssteigerung zuvorgekommen und hatte allen Wert des Bodens auf Jahrzehnte hinaus kassiert. Die Grubenbesitzer hatten ihre Produktpreise verdoppelt und verdreifacht, so dass die reinen Baukosten trotz der neuen arbeitsparenden Methoden auf 180% der Vorkriegskosten gestiegen waren. Die Steuern waren ungewöhnlich hoch, denn der Staat und auch die Städte mussten den Ankauf teuren Bodens rechtfertigen. Sie bauten grosszügig Strassen und Bahnen oder einen prächtigen Hafen, wie denjenigen in Berlin (deren Besitzer nun unverhältnismäige Transportgebühren von den Arbeitenden erpressten). Alles verlief zugunsten der Bodenbesitzer. Dies war die wahre Definition der «unveränderlichen Kosten»: Die Menschen hatten all die Jahre hindurch für sie gearbeitet.

 

Der Zusammenbruch der deutschen Banken war ein weiterer Beweis für die Richtigkeit der Theorie der unveränderlichen Kosten. Industrielle und Kaufleute waren unfähig, ihre Schulden und Zinsen zu zahlen; die Banken stellten ihre Zahlungen ein. Doch die Schulden, um die es sich handelte, waren nichts anderes als das während des Wohlstandes investierte Kapital – das Geld, welches die Bodenbesitzer geschluckt hatten. Die «unveränderlichen Kosten» waren sehr schnell nicht mehr tragbar, Zahlungen wurden eingestellt.

 

Die Regierung eilte den Banken mit Milliarden zu Hilfe – auf Kosten der Steuerzahler. Dann begann eine Flut von anderen Unterstützungen, z.B. an die Junker und an die Schwerindustrie, auf die schon hingewiesen wurde. Auch die Kleinindustrie brauchte Hilfe, um den «unveränderlichen Kosten» zu begegnen.

 

Die Krise wuchs und vertiefte sich. Nutzlose Mittel wurden angewandt, um sie aufzuhalten. Obwohl es offensichtlich war, dass die «unveränderlichen Kosten» – der Tribut, den das Bodenmonopol aus dem arbeitenden Volke zog – die Produktion hemmte, fixierten die Verantwortlichen und die führenden sogenannten Volkswirtschaftsexperten ihren Blick wie hypnotisiert auf die Lohntüten der Arbeiter. Herr Brüning, derzeitiger Kanzler, gab die sogenannte Deflations-Politik bekannt, welche u.a. eine generelle Herabsetzung der Löhne miteinschloss. Die Löhne wurden um 15% reduziert. Es wurde angenommen, dass die Waren- und Dienstleistungspreise sinken würden. Der Konsum sollte dadurch ansteigen und die Arbeitslosigkeit sich vermindern.

 

Herr Brüning und seine Ratgeber erkannten nicht, dass – sogar wenn die Senkung der Preise der Senkung der Löhne gleichkam – die Summe der produzierten Güter sich nicht verändern wird. Solch ein Plan konnte den Arbeitsuchenden niemals neue Beschäftigung bringen. Zudem übersahen die Herren, dass eine Herabsetzung der Löhne keine angemessenen Preissenkungen zur Folge haben kann, da Preise zum grossen Teil von anderen Faktoren als von Löhnen abhängig sind. Um wirklich Erleichterung zu schaffen, hätte Herr Brüning die Bodenrente herabsetzen und Löhne anheben sollen.

 

VON DER DEMOKRATIE ZUM DESPOTISMUS

 

7 Millionen Männer und Frauen (33% der Lohnempfänger) waren arbeitslos, die Mittelklasse verschwunden. Dies war die Situation ein Jahr nach dem Höhepunkt des Wohlstandes. Der Fortschritt, so sicher er schien, hatte in kürzester Zeit eine furchtbare Armut hervorgerufen. Deutschland, scheint mir, ist ein sichtbares Beispiel dafür, dass die private Inanspruchnahme der Bodenrente die fundamentale Ursache aller industrieller Krisen darstellt. Die unabgeschöpfte Bodenrente wirkt sich zum Nachteil derer aus, die in der Produktion der Güter beschäftigt sind. Diese Theorie wird von Henry George in seinem Buch «Fortschritt und Armut» erklärt. Doch wird sie von Professoren der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften seltsamerweise kaum akzeptiert. Ob aus Unwissenheit, Voreingenommenheit oder gar Befangenheit bleibt deren Selbsturteil überlassen. Ich für meinen Teil kam nicht durch vorheriges theoretisches Studium zur Überzeugung, sondern durch mein eigenes Miterleben der geschilderten Zustände.

Als geflüchteter Journalist bekam ich in England durch Zufall eine Kopie von «Fortschritt und Armut» in die Hände. Ich las es mit steigendem Interesse, weil es plötzlich alles Geschehene erhellte. Die wirtschaftswissenschaftliche Beweisführung war komplett. Warum hatte Deutschland dennoch den Weg von der individuellen politischen Freiheit über Massenhysterie bis zur Aufgabe aller Freiheit und der despotischen «Führung» eines einzelnen Mannes gewählt? Gab es eine Verbindung zwischen dem wirtschaftlichen und dem politischen Zusammenbruch? Ja, absolut! Wie die Arbeitslosigkeit wuchs, und damit auch die Armut und die Angst vor der Armut, so wuchs auch der Einfluss der Nazi-Partei. Letztere machte den «Gescheiterten» verschwenderische Versprechungen und rief wütend zur Rache des Volkes auf. Dieses war sich des ihm zugefügten Unrechtes bewusst. Doch leider war es dazu verurteilt, eine bösartig verzerrte Erklärung darüber zu hören.

Im ersten Krisenjahr stieg die Zahl der Nazi-Abgeordneten im Reichstag von 8 auf 107. Ein Jahr danach hatte sich die Zahl bereits verdoppelt. In der gleichen Zeit fingen die Kommunisten die Hälfte der Wählerstimmen der Deutschen Sozialdemokratischen Partei ein. Die Mittelklasse kam praktisch zum Verschwinden. Im Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Wie ich erwähnte, gewann er die Macht auf legalem Wege. Alle Formen der Demokratie waren gewahrt.

Es hört sich paradox an, aber es war tatsächlich absolut logisch. Ich verstand dies alles mit wachsender Überzeugung beim Lesen des Buches «Fortschritt und Armut» (nach dem schon alles geschehen war), das 60 Jahre vorher geschrieben war. Es schien, als sei Geschichte im voraus geschrieben worden. Mich faszinierte der Gedanke, dass durch einfache Änderung der Zeitform – von Zukunft zur Vergangenheit – die Prophezeiung zur Abendnachricht wurde. Man erhielt einen korrekten Bericht darüber, wie sich die Situation in zivilisierten Ländern wirklich entwickelt.

 

Mit meiner persönlichen Erfahrung des Lebens in Deutschland weckten natürlich die Stellen des Buches mein grösstes Interesse, die den Typ von Männern darstellten, die sich zu Führern verzweifelter Völker machen würden. Schon in der Einführung des Buches werden sie im Zusammenhang mit den irreführenden ökonomischen Lehren erwähnt, die die groen Volksmassen, die Treuhänder der Staatsgewalt, unter die Führung von Scharlatanen und Demagogen bringen. Im Kapitel «Wie die heutige Kultur verfallen kann» gibt es kaum eine Seite oder einen Absatz, der nicht fast buchstäblich auf die Geschehnisse in Deutschland anzuwenden wäre.

 

Die unvermeidliche Wirkung der Armut auf die politische Entwicklung einer demokratischen Regierungsform ist in folgender Textpassage angeführt:

 

«Wenn man politische Macht in die Hände verbitterter und durch Armut erniedrigter Menschen legt, bedeutet dies, Feuerbrände an die Schwänze von Füchsen zu binden und sie auf das reife Korn loszulassen: es bedeutet, Simson die Augen auszustechen und seine Arme um die Stützen des nationalen Wohles zu legen».

 

Steigen die Unterschiede in den Verhältnissen, so macht es das allgemeine Leiden einfach, die Quelle der Macht zu ergreifen. Um so grösser der Machtanteil in den Händen derjenigen ist, die – gefoltert durch Verlangen und vergewaltigt durch die Armut – bereit sind, ihre Situation an den höchsten Anbieter zu verkaufen. Sie folgen der Führung des grössten Demagogen. Diejenigen, die ­ verbittert durch die Härte des Lebens – sich vielleicht sogar eine liederliche und tyrannische Regierung wünschen. Wir können uns vorstellen, welche Befriedigung die Proletarier und Sklaven Roms gespürt haben, als sie einen Caligula oder Nero sahen, wie er inmitten der reichen Patrizier wütete.

 

Die Formen sind nichts, wenn der Inhalt verlorenging. Die Spielregeln der demokratischen Regierung sind von solcher Gestalt, dass die Substanz der Freiheit am einfachsten verschwinden kann. Extreme treffen aufeinander. Wo die Regierung durch das «allgemeine Leiden» und die «theoretische Gleichheit» gestellt wird, können Situationen, die nach einer Veränderung verlangen, sehr schnell in Despotismus enden. Denn der Despotismus schreitet dort im Namen des Volkes voran.

 

Ohne Frage spielt in allen politischen Veränderungen auch der nationale Charakter seine Rolle. Doch bloss einige besondere Umstände provozieren in Wirklichkeit die Reaktion. Ich glaube nicht, da die Deutschen Hitler in seinem Hass und in seinen Rachegelüsten gefolgt wären, wenn sie unter vernünftigen sozialen Zuständen gelebt hätten, anstatt unter dem Joch der Arbeitslosigkeit und Entbehrung. Es mag zwar sein, dass Hitler ein typisches deutsches Exemplar dessen gewesen ist, was Henry George den grössten Demagogen nannte. Aber stimmen Sie Mussolini, dem italienischsprechenden Tyrannen zu? Wie ist es mit den norwegischen, holländischen, französischen, ungarischen, rumänischen und bulgarischen Faschisten? Die deutschen Menschen – oder jedenfalls ein grosser Teil der Deutschen – waren nur die Ersten, die Hitler folgten. Andere kamen unter der Führung ihrer eigenen grossen Demagogen hinzu. Mit wenigen Ausnahmen war ganz Europa entweder kommunistisch oder faschistisch.

 

Es war nicht Angst oder grundsätzliche politische Dummheit, die so viele europäische Staaten vom gemeinsamen Kampf gegen Hitler zurückhielt. Es war auch nicht reine Unfähigkeit, dass Frankreich besiegt wurde. Es waren die gewaltigen faschistischen Mächte, die in jenen Staaten existierten und der Einfluss der entsprechenden Demagogen (obwohl nicht offiziell an der Macht), die das Volk lähmte. Was rauskam war, dass der grösste der offensichtlichen Demagogen der Führer des Rudels wurde. Der nationale Charakter ist also nur von untergeordneter Wichtigkeit. Die Umstände sind die determinierenden Faktoren.

 

DIE MORAL VON DER GESCHICHTE: DEMOKRATIE WIRD DURCH SOZIALE UNGLEICHHEITEN ZERSTÖRT

 

Die ungleiche Verteilung des Wohlstandes korrumpiert die Regierung. «Eine korrupte demokratische Regierung wird letztlich das Volk korrumpieren. Wenn die Menschen korrupt werden, gibt es keine Auferstehung.»

 

Ich habe nur einige wenige hervorstechende Korruptionsfälle genannt und keinen der vielen anderen Fälle genannt, die nicht direkt mit der Landfrage zusammenhängen. Aber ich glaube aufgezeigt zu haben, dass die Korruption zum Grundpfeiler des deutschen Wirtschaftslebens wurde. Damit fand die Korruption natürlich auch Ausdruck im politischen Leben.

 

Geld wurde auch zur Hauptwaffe derer, die danach suchten, die Demokratie zu stürzen. Deutschlands Herren, die Besitzer landwirtschaftlichen und industriellen Bodens, die Junker und die Ruhrindustriellen, hatten keine besondere Vorliebe für das Nazitum als solches. Sie gebrauchten es allerdings willig, um die gehasste Republik zu vernichten. «Eine Aristokratie des Reichtums wird niemals kämpfen, solange die Hoffnung besteht, dass ein Tyrann bestochen werden kann.» Dies beschreibt treffendst das Verhalten der deutschen Landbesitzer. Wie jedermann weiss, wurde das Nazitum an erster Stelle von der Schwerindustrie finanziert. Aber auch die Junker spendeten zu den Millionen, die den Führern der Nazipartei gezahlt wurden.

Es ist interessant, wie schnell sich der alte deutsche Adel den ihm unbekannten Umständen anpate. Er tat dies, weil er mit der Abschaffung seiner Privilegien wirklich eine «reine Aristokratie des Reichtums» wurde. Es beweist seinen hohen politischen Instinkt, dass er dies rasch erkannte und dementsprechend handelte. Es ist besonders ironisch, dass die Bodenbesitzer die Nazis mit Geldern kauften, welche sie von der Republik zum Teil durch Barsubventionen oder durch den Anstieg der Landpreise erhielten. Der Staat hatte seine Feinde mit allem ausgerüstet, was zu seiner Zerstörung notwendig war: Fortschritt, demokratischer Regierung und den materiellen Mitteln, die nötig waren, die Tyrannei von Grund auf zu organisieren.

Der Kunstmaler und Gefreite (Hitler) entsprach natürlich nicht ganz dem Geschmack der deutschen Bodenbesitzer. Aber in ihren zentralsten Problemen hat er seine Sponsoren nicht betrogen: Er rührte das Bodenproblem nicht an. Er fügte der Klasse der Junker einzig die der «Erbhofbauern» (Bauern als Besitzer eines unverkäuflichen und nicht belastbaren Gutes) hinzu. Damit schuf er einzig eine neue vererbliche Klasse der mittelgroen Landmonopolisten. So wird ersichtlich, wie die Landfrage immer wieder zum Mittelpunkt des politischen Lebens der Republik wurde und sie ihrem Schicksal zutrieb.

Ähnliche Zustände werden überall die gleichen Folgen zeigen. Was in Deutschland passierte, wird überall unvermeidlich sein, wo ähnliche Zustände die Oberhand gewinnen. In einigen europäischen Ländern hat dies schon stattgefunden. Das Naziregime ist nicht die Errungenschaft Hitlers – eines einzelnen Mannes. Das Nazitum wuchs organisch aus der verdorbenen Demokratie. Die Verrohung der Gesellschaft ist die natürliche Konsequenz ungleicher wirtschaftlicher Zustände. Die ungleiche wirtschaftliche Verteilung ist überall auf der Welt auf die private Aneignung der Bodenrente zurückzuführen. Aus diesem Grunde ist jedes Land ein potentiell faschistisches Land. Deutschland ist nur das Beispiel jener Entwicklung, der kein Staat entgehen kann. Es sei denn durch die Einführung gleicher Rechte zur Besetzung und Nutzung des Bodens. Deshalb kann es selbst nach dem Sieg über die Nazis keinen dauernden Frieden geben, solange die gegenwärtige wirtschaftliche Struktur der zivilisierten Länder so bestehen bleibt. Die private Aneignung der Bodenrente ist der Todfeind der Menschheit.

 

Bruno Heilig

 

 

 

 

 

 

Zum Autor

Bruno Heilig, ein österreichischer Journalist, emigrierte 1938 nach England, als Hitler Österreich ins Reich «heimführte». Heilig hatte 30 Jahre als Verleger und Auslandskorrespondent für führende Zeitungen in Österreich, in Deutschland, auf dem Balkan und in Ungarn gearbeitet. Bis 1934 lebte er in Berlin. Zuerst arbeitete er bei der «Vossischen Zeitung», später als Korrespondent beim «Wiener Tag» und der «Prager Presse». Bis kurz vor Kriegsausbruch war er in Wien beschäftigt als Redaktionsleiter und Auslandsherausgeber des «Wiener Tag» und der einflussreichen Montags-Zeitung «Der Morgen». Somit hatte er doppelte Gelegenheit, die Entwicklung einer modernen Diktatur zu beobachten. Persönlichen Kontakt mit dem Nazi-Regime machte er während seiner 13 Monate langen Gefangenschaft in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald. Sein Leben dort beschrieb er in seinem Buch: Men Crucified (Gekreuzigte Menschheit)

 

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«Nur wer nicht weiss, kann glauben.»

Bruno Jonas, Kabarettist

 

«Der effiziente und wettbewerbsfähige Staat bedient sich der simplen Bodenwertsteuer. Die Abschöpfung des jeweiligen Standortwertes, welcher die Verfügbarkeit eines Standortes in einer Stadt (bestehend aus Gütern und Dienstleistungen) ausdrückt, welche unter Skalenerträgen produziert und für die effiziente Zuteilung die marginalen Kosten verrechnet, wird unter Wettbewerbsbedingungen gerade genug sein, der Gemeinde die nötigen Mittel für ihre Aufgaben zu verschaffen.»

William Vickrey, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften, 1996

"Es stimmt, dass das Landmonopol nicht das einzige Monopol ist, das existiert, aber es ist bei weitem das grösste aller Monopole – es ist ein immerwährendes Monopol und es ist die Mutter aller andern Monopolformen. Ich habe am Laufmeter Reden über die Bodenrentenbesteuerung gehalten, und Sie wissen, was für ein Unterstützer dieser Politik ich bin.»

Winston Churchill, 1907

 

«Damit Gerechtigkeit zwischen den Menschen besteht, braucht der Staat keine Steuern auf Arbeits- oder Kapitaleinkommen zu legen. Er braucht auch nicht das Land zu konfiszieren. Es ist einzig nötig, die jährlich anfallende Bodenrente einzuziehen.»

Henry George, Ökonom und Philosoph, 1897

 

«Die Bodenwertsteuer ist die beste aller Steuern.»

Milton Friedmann, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften, 1976/77

 


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